Es ist OK glücklich zu sein, auch jetzt

Als hier in Frankreich vor ein paar Wochen die Ausgangssperre mitsamt Schließung der Schulen und Kindergärten angekündigt wurde, fühlte ich mich, als müsste ich ins Gefängnis. 

Ich liebe meine Kinder. Ich liebe meinen Mann. Aber die Vorstellung, zu viert wochenlang in einer Stadtwohnung festzusitzen, die uns auch mit allen Ausgangsfreiheiten schon zu klein geworden war, fühlte sich für mich an wie ein zu hartes Urteil für etwas, das ich nicht verbrochen hatte. Ich bin wirklich flexibel. Aber Alleinsein ist mein täglich‘ Brot. 

Und doch war es irgendwo fair: Wir haben es mit einer globalen Pandemie zu tun, das geht alle an – und sollte sich auch für Leute wie mich, die das große Glück haben, nicht existenziell betroffen zu sein, wenigstens nicht angenehm anfühlen. Deshalb war mir nicht wohl, aber wenigstens solidarisch und verantwortlich zumute, über die verhängte soziale Distanzierung, in der ich nichts mehr vermisste als ein bisschen Distanz von meiner Familie. 

Ich bin wirklich flexibel. Aber Alleinsein ist mein täglich‘ Brot.

Und natürlich ist da die indirekte Betroffenheit, das tägliche Verfolgen der Ausbreitung, das Mitgefühl mit allen Schicksalen, die durch COVID-19 brutale Wendungen nahmen; ich sah und sehe wie tragisch mir liebste Menschen die Situation erleben; Leute in unserem Familien- und Freundeskreis infizierten sich, überstanden alles gut, aber natürlich waren wir sehr besorgt und gefordert. Ich mache mir auch immer größere Gedanken über Mexiko – dort wedelte der Präsident mit zwei Heiligenbildchen aus der Hosentasche, als er nach seiner Strategie gefragt wurde. 

Vielleicht drei Wochen in der verhängten quarantaine, stand ich in der Küche und füllte Blaubeeren in ein Glas – und zwar nicht, wie sonst immer, indem ich das gewaschene Obst in einem Satz ins Glas schüttete, weil ich sofort danach irgendwohin musste – sondern Beere für Beere. Ich musste nirgendwo hin. Die späte Nachmittagssonne schien wärmend auf das Glas, und jede einzelne Frucht sah so schön aus in ihrem Licht, dass es mich mit der sattesten Freude erfüllte, jede einzelne anzubeten, bevor ich sie sorgfältig auf die anderen legte. Es war eine Ewigkeit des reinsten Glücks über die Göttlichkeit von blauen Beeren.  

Und: Ich hatte mehr davon. Während ein globales Desaster seinen Lauf nahm, während ich umgeben war, von wütenden Zahlen über seine Ausbreitung, hatte ich immer mehr von solchen stillen, unvergleichlich üppigen Glücksmomenten, die mich aus dem Nichts überraschten. Wo ich gedacht hatte, die 24/7 Familienbetreuung würde der reinste Horror werden und ich hätte überhaupt keine Zeit mehr für irgendwas, stellte sich bald heraus, dass ich tatsächlich keine Zeit mehr hatte, „ernsthaft“ zu arbeiten, also vorzeigbare Aufträge anzunehmen; ich hatte auch keine ausdrückliche Zeit mehr für mich allein. Aber da war plötzlich unglaublich viel Zeit – für alles, was nichts mit ernst, vorzeigbar und ausdrücklich zu tun hat – zum Beispiel Atmen, aus dem Fenster schauen, drei Seiten in einem geliebten Buch lesen. In den paar Minuten zwischen Apfelschiffchen für das eine Kind schneiden und dem anderen Badewasser einlaufen lassen, in der halben Stunde zwischen Abwasch und die Kinder fürs Bett fertig machen lagen Ewigkeiten, und sie hatten etwas von absoluter Freiheit.

Wir sehen Schönheit in den alltäglichsten Dingen, weil wir plötzlich Zeit haben, hinzuschauen.

Ich musste mir irgendwann ehrlich eingestehen, dass es mir bisweilen fantastisch ging in diesem privaten und globalen Desaster. Dass ich mich frei fühlte in dem, was sich als Arrest angekündigt hatte. Und was machen wir, wenn wir etwas über uns herausfinden, dass wirklich fehl am Platz ist? Wir schweigen. Wir schweigen, tun so, als wäre nichts. Und kommen irgendwann, während wir Apfelschiffchen schneiden, Badewasser einlassen und abwaschen, nicht umhin uns zu fragen, ob wir die einzige sind. 

Ich wandte mich an die vorurteilsfreisten, tolerantesten Freunde, die ich habe:

„Hey. Alles ist wirklich schrecklich gerade. Seid ihr ok? Äh… nur so interessehalber – gibt es irgendwas, noch so unscheinbares, klitzekleines, was du gerade – rein theoretisch – gut finden könntest, abgesehen von allem was wirklich furchtbar ist, an allem. Irgendwas. Hm?“

Alle Antworten, die ich bekam, begannen ungefähr so:

„Also… ja. Ehrlich gesagt, es ist wirklich alles schrecklich. Aber…“ 

Ich fasse mal zusammen: Es ist tonnenweise Gutes in dieser Zeit zu finden, es traut sich nur verständlicherweise keiner laut sagen, denn auch für Leute, die das große Glück haben, nicht existenziell betroffen zu sein, sollte sich daran wenigstens nichts angenehm anfühlen. Und doch: Das Verlangsamen unseres Alltags bringt Glück und Präsenz in unsere sonst gehetzten Tage. Wir sehen Schönheit in den alltäglichsten Dingen, weil wir plötzlich Zeit haben, hinzuschauen. Wir verbringen mehr Momente mit unseren Kindern, im Hier und Jetzt, ohne in Gedanken beim nächsten Task zu sein. Die Einfachheit, die das Zuhause-Bleiben und die Konzentration aufs Essenzielle schaffen, bringen Ruhe und Erholung vom ewigen Schneller, Weiter, Höher, Besser. Wir sehen, wie wenig wir wirklich brauchen, sind dankbarer, für alles, was uns jeden Tag geschenkt ist. Wir sehen klarer, welche Menschen uns wichtig sind, mit wem wir uns wirklich austauschen wollen, wenn die Welt aus den Fugen gerät. Die Städte sind still. Wir schlafen länger. Unsere Jeans werden enger und es ist völlig egal. Wir treffen niemanden, niemanden – und müssen plötzlich niemand sein außer wir selbst. Fragen uns, wem wir die restliche Zeit eigentlich etwas beweisen wollen, und was. Wir sind inspiriert zu spielen. Wir sitzen im Auge des Hurrikans, die Stille ist magisch. Und sie gehört zum Sturm, ist Teil von ihm, genauso wie das wütende Außen.

Wenn ihr glücklich seid, bitte seid es, schamlos. Ihr werdet gebraucht. 

Ich bin bei jedem einzelnen, der gerade geplagt ist von Ängsten, Sorgen, von Schicksalsschlägen, von Verzweiflung und heller Panik über eine unüberschaubare Gegenwart und unkalkulierbare Zukunft – mit meinem ganzen Herzen. Und ich bin genauso bei allen, die sich gerade nicht trauen, glücklich zu sein, weil es fehl am Platz erscheint, jetzt glücklich zu sein. Wisst ihr was? Das ist es nicht. Es ist auch jetzt OK, Glück zu empfinden. Ich glaube, es ist sogar von ungeheurer Wichtigkeit, aufzutanken in der Langsamkeit und wir sollten weise wählen, worauf wir uns jetzt konzentrieren, wenn wir mit dieser Freiheit gesegnet sind.

Das macht nichts an dem, was gerade an Turbulenzen passiert, weniger wichtig. Das macht uns nicht ignorant. Es ist auch nicht ungerecht. Im Gegenteil: Wenn eines klar wird durch COVID-19, dann, dass wir alle verbunden sind, an verschiedenen Stellen desselben Bootes sitzen. Und das Ganze hat mehr davon, wenn Teile über Reserven verfügen, ihre ganze Power konzentrieren, um andere hochzuziehen, wenn sie nicht mehr können. Die Welt hat mehr davon, wenn es einzelne gibt, die aus einer heilen, gestärkten, zuversichtlichen Perspektive auf das schauen, was zusammenbricht. Wer jetzt verständlicherweise überfordert ist von den Anfechtungen dieser unbeschreiblich beladenen Zeit, wer jetzt nicht die Möglichkeit hat, Kraft zu schöpfen und Kreativität, Mut und Inspiration – der braucht am wenigsten andere, die überfordert sind; der braucht die, auf die er sich stützen kann, weil sie genug Kraft haben, nicht nur sich selbst über Wasser zu halten, sondern etwas zu geben haben, die über Kreativität verfügen und Inspiration.

Deshalb – wenn ihr könnt: Schaut aus dem Fenster, zählt Wolken. Spielt Verstecken, schlaft aus, tanzt im Regen, esst zu viel Eiscreme. Lasst es euch gut gehen. Wenn ihr glücklich seid, seid es bitte schamlos. Euer Glücklichsein wird gebraucht, mehr denn je.

Bild: Original von Michael Dziedzic // Unsplash

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