Rückwärts gibt’s nicht: Enchantée, Paris

Ich wollte nicht zurück nach Paris. Wochenlang nach meiner Abreise aus Mexiko letzten Herbst dachte ich: Es kann doch nicht sein. Es kann nicht. Kann nicht sein. Wenn sich alles in uns verändert hat, wenn wir in einem Land der Farbe, der Wärme, der Weite, selbst all das geworden sind: Farbe, Wärme, Weite – wenn wir unsere Freiheit gefunden haben von alten Perspektiven, von ganzen Kapiteln, Geschichten unseres Lebens – wie ist es möglich, dass wir nach so viel Veränderung plötzlich wieder genau dort landen: in der alten Geschichte. Es ging mir nicht in den Kopf: Wie kann ich eine andere sein, und um mich herum wieder alles wie früher?

Ich habe Paris selten als romantische Bilderbuch-Stadt erlebt, vielmehr als einen Ort, an dem es kalt ist, auch im Sommer. Man gewöhnt sich an alles, auch ans Nicht-Dazugehören. So ist Paris nun mal: exklusiv. Les étrangers sprechen niemals perfekt genug Französisch. Englisch kann hier keiner. Und auch kein Franzose ist jemals perfekt, reich, besonders oder talentiert genug – wofür eigentlich? Das wissen nicht mal die Pariser. 

Ich habe Paris selten als romantische Bilderbuch-Stadt erlebt, vielmehr als einen Ort, an dem es kalt ist, auch im Sommer.

Es ist vermutlich das Geheimnis dieser Stadt – ihre Art, niemanden, nicht mal ihre eigenen Sprösslinge, so recht an sich herankommen zu lassen (das, und die Croissants bien sûr). Doch in einem bin ich mir sicher. Wäre Paris eine Person – sie wäre trotz immerwährender Gesellschaft sehr einsam. Von allen gelobt, gefeiert, gerühmt, sagenumwoben, und doch von niemandem jenseits ihrer glänzenden Fassade gekannt und geliebt. Man macht Fotos mit ihr, schaut sich selbst in ihr an, wie in einem antiken, teuren, hoch geschätzten Spiegel; doch niemand fühlt sich wirklich wohl in ihrer Gegenwart, niemand ist wirklich daheim auf dem Basar der Eitelkeiten.

Mexiko ist nicht teuer, nicht immer hoch gelobt. Doch es empfing mich wärmstens, mit Fülle und Großzügigkeit, und mit dem, was mir in Paris in all den Jahren nicht ein einziges Mal begegnet war: mit ‚genug‘. Genug Freundlichkeit, genug Farbe, genug Schönheit, genug Zeit. Mehr als genug Spanisch für ein Lächeln, für Verständnis, für ein esta bien

Auf dieser anderen Seite des Ozeans hörte ich bald auf, mich zu fragen, wo ich hingehöre, oder wer oder was ich bin. Mit der Beantwortung dieser Fragen haben Mexikaner bisweilen selbst Schwierigkeiten, und sie scheint auch nicht von solcher Dringlichkeit. Überhaupt ist alles nicht so dringlich. Man hat gelernt zu warten. Mir erlaubte Mexiko, einfach zu sein, in diesem immerwährenden Sommer von Guadalajara, in dessen Farben, Formen, Aromen und Geräuschen, in dessen wunderbarem Licht sich alles in mir langsam und mächtig veränderte und in dem aus Europa angeschleppte Eitelkeiten langsam aber sicher in mir verblichen.

In Mexiko ist keine Worte haben nicht so schlimm, im Gegenteil. Dort kann man auch einfach mal nichts sagen, und niemand wird dabei verlegen oder kratzbürstig.

Wenn man eine neue Sprache lernt in einem fremden Land, dann ist da immer der Moment, in dem man etwas sagen will, für das man aber noch keine Worte hat. Dieser Moment ist in Paris immer ein Problem, irgendwas mit „Un-„: ein Unding, unangenehm, er führt zu Unsicherheit, Ungeduld und Unbehagen. 

In Mexiko ist keine Worte haben nicht so schlimm, im Gegenteil. Dort kann man auch einfach mal nichts sagen, und niemand wird dabei verlegen oder kratzbürstig; dort kann man sie auch einfach nur gemeinsam sehen oder fühlen, die Dinge, Wesen, Gegebenheiten, das Meer, den Wind, die Kolibris; und sie sein lassen, als hätten sie gar keinen Namen. Auch wenn keiner weiß, was der andere meint: Sí. Esta bien. Und in dieser Lücke ohne Worte könnten wir ihnen gar nicht näher sein, dem Meer, dem Wind, den Kolibris, sind ihnen näher, als uns jeder Name, jede Geschichte ihnen jemals bringen könnte. 

„Es kann nicht sein“ war wochenlag mein Mantra gewesen, als plötzlich der Moment kam – ich war umringt von Umzugskartons, die endlich aus Mexiko in unser Pariser Apartment verfrachtet worden waren – als ich dachte: Vielleicht ist es genau das, was passiert, gerade wenn wir uns verändert haben. Wir gehen nochmal zurück. Nicht obwohl wir uns verändert haben, sondern gerade deshalb. Wir gehen nochmal zurück an die Stellen, Konstellationen, Gegebenheiten, die möchten, dass wir sie so anschauen als hätten wir keine Worte für sie. Als kannten wir ihren Namen nicht. Als hätten sie nicht die Geschichte, die wir uns bisher über sie erzählten, als wären alle bisherigen Annahmen und Behauptungen einer Überprüfung wert..

Vielleicht ist es genau das, was passiert, gerade wenn wir uns verändert haben. Wir gehen nochmal zurück.

Ich dachte, ich sei durch mit Paris, ich hatte es abgehakt, es hatte sich für mich sowas von erledigt. Die Pariser Kaltschnäuzigkeit, das Enge, das schlechte Wetter, der Verkehr, das ewige Huldigen von Status und Fassade. Und ich fragte mich so oft, was ich falsch gemacht hatte, dass ich hier wieder hermusste. Doch vielleicht landete ich hier auch, weil ich alles richtig gemacht hatte. Wenn ich eines in Mexiko gelernt habe, dann, dass das Leben nichts anderes will, als uns reich beschenken, uns überschütten mit dem Guten, Neuen, mit Farbe, Freude, Gelegenheiten. Und wenn es uns zurückbringt, ins Alte, dann ganz bestimmt, weil trotz begründeter Zweifel Gutes, Schönes, Wahres auf uns wartet, etwas, das uns beim letzten Mal verborgen geblieben war. 

Vielleicht ist das Leben überhaupt keine gerade Linie, auf der eines nach dem anderen kommt, und auf der eine Rückkehr unbedingt ein Rückschritt ist; vielleicht ist das Leben eher wie ein Zirkel oder Labyrinth, in dem wir immer und immer wieder etwas neu begegnen, jedes Mal von einer neuen Warte und ein bisschen weiser, jedes Mal mit mehr Mitgefühl, mehr Souveränität, jedes Mal mit einer neuen Wahl und mit brandneuen Möglichkeiten. Was, wenn wir, nur für einen Moment, so täten, als wüssten wir nichts über die Orte, Dinge, Menschen, von dem wir glaubten, schon alles zu wissen; wenn wir ihnen begegneten – nicht als die, die wir mal waren, sondern als die, die wir geworden sind.

Bild: Paul Dufour // Unsplash

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