Wir müssen nicht immer wissen wie’s weitergeht

Alles verändert sich, die ganze Zeit. Ständig stirbt etwas, ist zum letzten Mal, und ständig kommt etwas neues, ist zum ersten Mal. Es gibt Zeiten, in denen wir das ohne Mühe ignorieren können, und andere, in denen das Ignorieren schwer geht – vor allem, wenn sich ganz große Dinge und Situationen für uns verändern. Wenn das mit Verlusten zu tun hat, fühlt es sich manchmal an wie das Ende der Welt. 

Dann bekommt man unter Umständen etwas erzählt von neues Kapitel aufschlagen, Schlussstriche ziehen, sich nicht runterziehen lassen, drüber wegkommen – egal ob Job, geplatzter Traum, der Verlust eines Familienmitglieds oder der ganz großen Liebe. Ich glaube nicht, dass der Sinn von Veränderung und Zusammenbruch ist, dass wir darüber hinwegkommen. Und wenn sowas schnell dahin gesagt ist, dann meistens von jemandem, der sich vor seinem Schmerz, seinen Verlustängsten, seinem Leben, ganz dick verbarrikadiert hat.

Dafür habe ich Verständnis und großes Mitgefühl – wir tun alle unser Bestes, um unser Leben auf die Reihe zu kriegen; aber ich nehme von Drüberwegkommern keine Ratschläge an, und lasse mich schon gar nicht beirren: Ich glaube, dass wir überhaupt nichts falsch machen, wenn wir selbst nach Jahren immer noch nicht über den Verlust unserer großen Liebe hinweg sind, selbst wenn es dabei um eine Zimmerpflanze geht. Wir müssen überhaupt nie über irgendetwas oder irgendwen hinwegkommen – wer auch immer auf diese fragwürdige Idee kam, meinte das vielleicht gut, richtet aber bis dato mehr Schaden an als Wohlergehen.

Wir müssen überhaupt nie über irgendwas oder irgendwen hinwegkommen.

Ich glaube, bevor wir anfangen, darüber nachzudenken, wie wir am besten mit Veränderung umgehen – bevor wir uns ans sogenannte Loslassen machen, müssen wir erstmal dicken Platz einräumen fürs Festhalten. Wir müssen ok damit sein, dass wir Halt brauchen, und zwar genau so kurz oder lange bis wir ihn vielleicht irgendwann nicht mehr brauchen. Wir sind geradezu darauf programmiert, uns Wahrheiten, Menschen, Dinge und Gegebenheiten zu suchen, auf die wir uns verlassen können, damit wir eben sicher sind. Vor was eigentlich? Vor dem Unbekannten. Was seit den Anfängen der Menschheit ultimative Risiken bedeutete, sitzt auch bei uns heute noch als tiefliegende Angst.

Wenn die Wahrheiten, Menschen, Dinge und Gegebenheiten, auf die wir uns verlassen haben, sich so verändern, dass sie uns nicht mehr die bisherigen Sicherheiten geben, oder gar komplett verschwinden, können wir zwar Vertrauen haben, dass das Leben uns auffängt und uns neue Möglichkeiten schenkt – wir müssen aber nicht so tun, als würden wir das dem Leben im betreffenden Moment auch abkaufen. Wir müssen nicht so tun, als würde sich nicht alles von A-Z daran beschissen anfühlen, wenn alles zusammenbricht, das uns lieb war. Wir müssen auch nicht so tun, als wäre nichts gewesen und mit zusammengebissenen Zähnen und geheucheltem Enthusiasmus asap ein neues Kapitel anleiern. Nein. Wir müssen erstmal etwas machen, worüber den meisten von uns niemand was beigebracht hat: Nämlich trauern. Und zwar so richtig. 

Trauern ist das souveräne und liebevolle Anerkennen von Schmerz – und davon, dass wir keinen blassen Schimmer haben, wie wir damit umgehen sollen.

Trauern hat nichts damit zu tun, sich zum Opfer von Umständen zu erklären, Schuld zuzuweisen oder in Selbstmitleid zu schwelgen – ganz im Gegenteil. Trauern ist das souveräne und liebevolle Anerkennen von Schmerz – und davon, dass wir keinen blassen Schimmer haben, wie wir damit umgehen sollen. Souveränität im Angesicht von Veränderung bedeutet, dass wir uns mit aller Aufmerksamkeit und Mitgefühl dem Teil in uns widmen, für den sich das Zusammenbrechen von Strukturen auf der Bildfläche unseres Lebens anfühlt, wie das Ende der Welt.

Und das machen wir, indem wir unseren Emotionen, seien sie auch anfangs noch so unterschwellig, erlauben, so groß zu werden, wie sie werden wollen, und ihnen möglichst Ausdruck verleihen. Das sieht für jeden anders aus, in den seltensten Fällen elegant und kontrolliert – das ist aber nicht schlimm, sondern schlichtweg der Grund dafür, warum sich in unseren Gefilden niemand trauern traut. Die gute Nachricht: Niemand muss lesen was wir aufschreiben, niemand muss zuhören wenn wir in ein Kissen schreien, niemand muss zuschauen, wenn wir tagelang heulen – es sei denn wir wollen das.

In Wirklichkeit stirbt die ganze Zeit etwas in unserem Leben, an dem wir hingen, wir kehren es nur ständig unter den Teppich. Je geübter wir darin werden, zu trauern, desto geübter werden wir darin, Platz zu machen für alles was wir sind, für all unsere immer präsenten, immer wechselnden Gefühle, auch für die, die wir erstmal lieber nicht hätten, für unsere völlige Ahnungslosigkeit, was wir mit ihnen machen sollen, geschweige denn wie wir nach unserem persönlichen Weltuntergang jemals wieder glücklich sein sollen.

And this is where the magic happens: Wenn wir das alles zulassen, präsent dafür sind, nicht weglaufen, beginnen wir uns weniger mit Gefühlen, Verlusten oder Gewinnen zu identifizieren, und dafür ein bisschen mehr mit dem, das für das alles Platz hat. Wir bekommen ein authentisches Gefühl dafür, auf was Pema Chödrön verweist, wenn sie sagt: „You are the sky. Everything else – it’s just the weather.” Je offener und bejahender wir allem begegnen, was an die Oberfläche kommt, desto weiter und freier und leichter erleben wir uns, bekommen ein Gefühl dafür, dass wir selbst die Sicherheit sind, die wir davor auf der stürmischen Oberfläche unseres Lebens gesucht haben. 

Aus diesem Selbstgefühl heraus sind dann der Wetterbericht und alle Prognosen oder Annahmen über die Zukunft nicht mehr ganz so existentiell – das Unbekannte, Ungewisse, die ständige Veränderung an Verhältnissen verliert an Monstrosität und Fatalität – bekommt bisweilen etwas Schönes, Offenes, Verheißungsvolles. Und wir können plötzlich lockerlassen, von der Art und Weise, wie unser Leben auszusehen hat, damit wir uns sicher fühlen können – ahnen, dass uns das manchmal mehr begrenzt als nützt. Wir können tief mit dem Leben verbunden sein, vertrauen und alles fühlen – das Schöne und das Schreckliche, und wissen, dass wir auch noch da sind und Neues auf uns wartet, wenn Schönes und Schreckliches vorübergezogen sind. 

Bild: Bryan Garces // Unsplash

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